Erntezeit
„Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt.“
Diese Worte des heiligen Franziskus von Assisi bekommen im Herbst eine besondere Bedeutung. Wenn die Felder abgeerntet sind, die Früchte des Jahres in Körben und auf unseren Tischen liegen und die Natur sich langsam auf die Ruhe des Winters vorbereitet, feiern wir
Erntedank. Wir halten inne und schauen bewusst auf das, was uns geschenkt wurde.
Erntedank. Wir halten inne und schauen bewusst auf das, was uns geschenkt wurde.
In diesem Jahr verbinden wir den Erntedank mit dem Gedenken an den 800. Todestag des heiligen Franziskus. Er starb im Jahr 1226 – und doch sind seine Gedanken und sein Leben erstaunlich aktuell. Franziskus konnte staunen über die Schöpfung, er wusste um seine eigene Begrenztheit und lebte aus einer tiefen Dankbarkeit gegenüber Gott. Für ihn waren Sonne, Wasser, Erde, Tiere und Menschen nicht einfach Dinge, die man besitzen oder verbrauchen kann. Sie waren Geschwister und Teil einer großen Schöpfung, für die es sich zu danken und Sorge zu tragen lohnt.
Franziskus lädt uns ein, den Blick zu verändern: auf das Gute zu schauen, das uns bereits geschenkt ist. Erntedank kann deshalb mehr sein als ein festlicher Gottesdienst mit einem schön geschmückten Altar. Er kann zu einer Haltung werden. Dankbar zu sein für Menschen, die uns begleiten. Für einen Arbeitsplatz oder eine Aufgabe, die uns erfüllt. Für die kleinen Dinge, die unseren Alltag heller machen. Für die Natur, die uns ernährt und trägt. Und nicht zuletzt für Gott, der uns unser Leben schenkt.
Gleichzeitig erinnert uns Franziskus daran, dass Dankbarkeit und Verantwortung zusammengehören. Wer erkennt, wie kostbar die Schöpfung ist, wird achtsamer mit ihr umgehen. Wer dankbar für andere Menschen ist, wird ihnen vielleicht bewusster Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Und wer das eigene Leben als Geschenk versteht, muss nicht ständig größer, schneller und mehr erreichen.
Franziskus zeigt uns einen Weg, der nicht von Besitz und Erfolg bestimmt wird, sondern von Einfachheit, Geschwisterlichkeit und Vertrauen. Er lädt uns ein, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und in allem Geschaffenen die Spur Gottes zu entdecken. So kann Erntedank zu einem Fest werden, das weit über den einen Tag hinausreicht: zu einer Einladung, dankbarer zu leben, achtsamer zu handeln und vertrauensvoller auf Gott zu schauen. Möge uns dabei der heilige Franziskus ein Wegbegleiter sein – und mögen wir immer wieder neu entdecken, wie reich beschenkt wir sind.
Sr. Marie-Salome




